Wie aus schlechten Nachrichten eine Idee für mehr Optimismus wurde

Aktualisiert: vor 2 Tagen
Ich bin eigentlich ein hoffnungsvoller Mensch. Ich glaube, wir alle zusammen können eine freie Gesellschaft der Zugewandheit entwickeln. Meistens denke ich, es geht schon vorwärst, die Zukunft wird gut.
Und dann öffne ich meine News-App.
„AfD gewinnt Landtagswahl”
„Ukrainer:innen fürchten fünften Kriegswinter”
„KI könnte Menschheit auslöschen”

Ich bin Fabio und eine Schlagzeile allein haut mich nicht um. Aber sie kommen nie allein. Sie kommen morgens, abends und zwischendurch. Und irgendwann zwischen dem Syrienkrieg, der Pandemie und dem Aufstieg des Autoritären hat sich eine Frage in mir verankert: Wird es eigentlich irgendwann wieder gut? Oder geht die Welt am Ende wirklich unter?
Ich will das nicht glauben. Aber die Nachrichten legen es nahe, Tag für Tag, Meldung für Meldung. Zwischen meiner Hoffnung und dem, was ich lese, klafft eine Lücke, und sie wurde nach der Pandemie immer größer.
„Menschen sind im Grunde gut.“ Der Gedanke, der alles ins Rollen brachte.
Ein Buch, das eine andere Geschichte erzählt
Dann las ich im Frühjahr 2025 Im Grunde gut von Rutger Bregman. Der niederländische Historiker behandelt darin eine große Frage: Was für Wesen sind wir eigentlich?
Die gängige Antwort kennen wir alle. Der Mensch ist im Kern egoistisch, und wartet nur darauf sein wahres Gesicht zu zeigen. Bregman hat sich die Geschichten angesehen, die dieses Bild geprägt haben, und festgestellt, dass viele davon so nicht stimmen.
Mein Lieblingsbeispiel ist das Milgram-Experiment. Anfang der 1960er sollten Versuchspersonen einem Fremden einen Stromschlag geben, wenn er oder sie falsch auf eine Frage antwortete. Stromschläge mit bis zu tödlichen 450 Volt. Die Schläge waren nicht echt, der Fremde war ein Schauspieler, aber das wussten die Teilnehmenden nicht. Das Ergebnis schockierte die Welt: Zwei Drittel drehten bis zum Anschlag auf. Seitdem gilt Milgram als Beweis, dass in jedem von uns jemand steckt, der auf Befehl quält.
Was wirklich passiert ist, sieht anders aus. Die berühmten zwei Drittel stammen aus einer einzigen Versuchsreihe mit 40 Personen. Milgram testete zwei Dutzend Varianten, und über alle hinweg verweigerte mehr als die Hälfte den Gehorsam. Viele hielten die Stromschläge gar nicht für echt, und wer sie für echt hielt, brach meistens ab. Der Versuchsleiter wich vom Skript ab und forderte eine Person 26-mal auf weiterzumachen. Ergebnisse, die nicht ins Bild passten, veröffentlichte Milgram nicht. Und wer bis zum Ende weitermachte, tat das meist, weil man ihm versicherte, er diene der Wissenschaft. Das Problem ist also nicht unsere Bosheit, sondern unser Wunsch, das Richtige zu tun.
Bregman findet zahlreiche weitere Beispiele, die zeigen, wie sich das Egoismus-Narrativ durch unlautere Methoden verbreitet hat und kommt zum Schluss: Menschen sind im Grunde gut. Wir sind kooperative, freundliche, einander zugewandte Wesen. Er geht sogar so weit, dass diese Kooperationsfähigkeit unseren zivilisatorischen Fortschritt ermöglicht hat.
Das Buch hat mich gepackt, weil es zeigt, warum sich Hoffnung auch in schwierigen Zeiten lohnt. Nachrichten berichten über das, was aus der Reihe fällt. Sie zeigen den Anschlag, nicht die tausend Nachbar:innen, die einander helfen. Das ist ihr Job. Wer sein Bild von der Welt aber vor allem aus Schlagzeilen entwickelt, sieht ständig die Ausnahmen und hält sie irgendwann für die Regel. Das düstere Weltbild ist also nicht unbedingt das realistischere. Es ist einfach das, was wir am häufigsten zu sehen bekommen.
Und das hat Folgen. Wer glaubt, alles geht sowieso den Bach runter, versucht es gar nicht erst zu verhindern. Wer glaubt, alle anderen würden nur an sich selbst denken, wird selbst egoistisch. Welche Geschichte wir über uns und unser Umfeld glauben, entscheidet mit darüber, wie wir handeln. Pessimismus kann zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden. Optimismus aber auch. Während ich Bregman las, beflügelte mich die Zuversicht und ich wollte mehr Menschen daran teilhaben lassen.
So entstand die Optimismus Challenge
Ich habe mich gefragt: Wenn ein Perspektivwechsel bei mir so viel bewirkt, wie vielen Menschen geht es dann ähnlich? Wie viele sind eigentlich hoffnungsvoll und lassen sich trotzdem von der Dauerschleife der Krisen zermürben?
Daraus wurde die Optimismus Challenge. Wir wollen nichts schönreden. Krieg, Klimakrise und Angriffe auf die Demokratie sind real. Aber wir wollen die andere Hälfte der Geschichte sichtbar machen: was besser wird, wo Menschen zusammenhalten und was die Wissenschaft darüber weiß, warum unser Bild von der Welt oft düsterer ist als die Wirklichkeit. Und wir wollen das nicht nur erzählen, sondern gemeinsam ausprobieren.
Wie es danach weitergeht und wie wir das Projekt aufgebaut haben, erzählen wir in den nächsten Beiträgen hier im Blog.
Die Nachrichten werden nicht aufhören. Aber vielleicht hören wir auf, ihnen das letzte Wort zu überlassen.
